Die Pressefreiheit ist weltweit auf dem Rückzug. Kann die Technologie Blockchain dabei helfen, dass Journalisten in repressiven Staaten sicher publizieren können? Und Menschen die digitalen Räume bieten, die die Meinungsfreiheit braucht? Publicism als erstes dezentrales News-Medium auf Blockchainbasis will das versuchen.

Eine freie und breit gefächerte Presse und Medienlandschaft ist essentiell für eine offene und freie Demokratie. Doch weltweit ist in den letzten Jahren die Pressefreiheit immer mehr zurückgegangen, errechneten Reporter ohne Grenzen in ihrem Globalen Pressefreiheitsindikator. Nur ca. 13% der weltweiten Bevölkerung hat Zugang zu einer freien und diversifizierten Presse. Die anderen 87% sind vielfältigen Gefahren ausgesetzt: Staatliche Kontrolle und Überwachung, Verfolgung, Bedrohung und Inhaftierung kritisch berichtender Journalisten; staatliche und private Medienimperien ‘besitzen’ und gestalten die Nachrichten nach Belieben; Staaten schränken den Zugriff auf Websiten und Internet-Dienste ein. Nordkorea, Eritrea, Turkmenistan, Syrien, China und Vietnam sind die Länder, die im Index 2017 der freien Presse am schlechtesten abschneiden.

Aber auch in westlichen Staaten ist die Pressefreiheit und die Sicherheit von Journalisten nicht garantiert. Probleme mit der Verfolgung von Investigativjournalisten und Whistleblowern nehmen in den USA (Platz 43) unter Trump noch mehr zu. Die Angriffslust  von französischen Politikern und Polizei auf politische Journalisten beförderte Frankreich auf Platz 39. Obwohl Deutschland auf Platz 16 immerhin recht weit oben steht, zeigen sich auch hier bei genauerer Betrachtung besorgniserregende Entwicklungen: Reporter ohne Grenzen hat die Medienlandschaft analysiert: Zusammenlegungen von Redaktionen, das Erstarken von Content-Marketing Plattformen, Vermischung von Nachrichten mit PR und Marketing führen zu einer rapide schrumpfenden Pressevielfalt. Und nicht zuletzt auch die kommerzielle algorithmusbetriebene Auswahl von Content durch große Internetunternehmen wie Google und Facebook bestimmen den Grad der Wichtigkeit von Nachrichten.

Auf der gesetzlichen Ebene führt die Wiedereinführung der Vorratsdatenspeicherung (VDS) zu einem abnehmenden Schutz von Journalisten und deren Quellen. Die Einführung des Strafparagrafen zur „Datenhehlerei“ merken Reporter ohne Grenzen ebenfalls kritisch an: „durch den neuen Strafparagrafen macht sich womöglich schon strafbar, wer Daten, die er von einem Whistleblower erhalten hat, vertraulich an Experten zur Prüfung weitergibt“ und weiter heißt es in dem Bericht: „Der Whistleblowerschutz ist in Deutschland noch immer unzureichend und im internationalen Vergleich unterdurchschnittlich entwickelt“. 

Publiscm – Die Blockchain als unabhängige Medienplattform

Publiscm ist ein niederländisches Projekt, welches das Potenzial der dezentralen Blockchain nutzen will, um diese globalen Probleme der Pressefreiheit nachhaltig zu lösen. Die Idee dahinter ist eine unabhängige Content-Plattform, die keinerlei zentrale Steuerung besitzt: Auf dieser können Journalisten anonym ihre Inhalte hochladen und entlohnen lassen – anonym und manipulationssicher.

Über das zentrale Dashboard sind dezentrale und sichere Worktools eingebunden, die es auch möglich machen, mit anderen Journalisten, aber auch Bürgerjournalisten, Vloggern sowie weiteren Akteuren zu kollaborieren. Diese sind sichere Tools analog zu GoogleDocs, Slack, Dropbox und GMail. Die Plattform möchte Content-Erstellern und Journalisten ermöglichen, sich angemessen für ihre Arbeit bezahlen zu lassen. Dafür bietet die Plattform die Möglichkeit, Crowdfunding für ein Projekt einzuholen, per Spenden oder Zuschüsse für die Recherchearbeit zu werben oder  sich für publizierte Artikel über Micropayment (Kleinstbeträge, die ohne Transaktionskosten virtuell und unmittelbar überwiesen werden und aus einem virtuellen Portemonnaie, einer sogenannten Wallet, bezahlt werden) bezahlen zu lassen.

publicism blockchain journalism

Um die Quellen anonym zu halten und trotzdem den Zugang auch für technische Laien zu garantieren, werden bewährte Verschlüsselungstechnologien in Publicism integriert: Der  Onion-Router, der Tor-Browser und VPN- Verbindungen, wie sie auch die Whistleblowerwebsite Wikileaks verwendet.

Die größte Herausforderung des Projektes ist jedoch die Handhabung des Contents selbst: da die Blockchain auf kleinere Informationsmengen wie etwa Geldbeträge ausgelegt ist, ist es bis jetzt nicht möglich, größere Mengen an Daten abzuspeichern. Zusammen mit dem MIT (Massachusetts Institute of Technologie) arbeitet Publicism deshalb an einem dezentralen Datennetzwerk zur Speicherung von Inhalten, die mit der Blockchain sicher verknüpft sind, ohne darin verspeichert werden zu müssen. Da die Inhalte nicht auf einem zentralen Server gelagert werden, ist es Regierungen oder sonstigen Organisationen unmöglich, diese Inhalte zu kontrollieren oder abzuschalten.

Publiscm will damit die erste blockchainbasierte Presseagentur werden und journalistische Inhalte etwa an andere sichere Plattformen weiterleiten. Das blockchainbasierte soziale Netzwerk Steemit ist z.B. ebenfalls angeschlossen, und um Inhalte zu teilen, werden bald sichere Übertragungswege zu Twitter integriert.

Wir haben mit dem Gründer von Publicism Pieter Haasnoot gesprochen:

Pieter Haasnoot publicism blockchainPieter Haasnoot
gründete mehrere Medienorganisationen im Bereich Video, Apps, Multimedia Games sowie ein TV-Netzwerk. Er ist als Berater für neue Technologien und Geschäftsfelder tätig und Mitgründer von Publicism, welches mit einem Seed Investment des staatlichen niederländischen Innovationsfonds für Journalismus gefördert wird.

Publicism will als Presseagentur auftreten, die zwischen Journalisten und vertrauenswürdigen Plattformen vermittelt und diese verbindet. Welche Plattformen wären dafür geeignet und wie kann man dem Herausgeber ein großes Publikum garantieren?

Publicism ist primär ein dezentrales Netzwerk, das Dienstleistungen im Bereich Datenspeicherung, dem Veröffentlichen von Inhalten und Zahlungsverkehr auf einer dezentralen gesicherten Ebene anbietet. Es besteht ein Netzzugang vom verteilten Serviceportal zum üblichen Internet. Der Service kann sowohl von Einzelpersonen als auch Gruppen von Journalisten und Herausgebern und Presseagenturen genutzt werden. Im nächsten Schritt wird Publicism zu einer freien Presseplattform ausgebaut, über die organisatorische Vorgänge möglich sein werden.

Es besteht das Risiko, dass diese Technologie oder die Plattform von Regierungen oder Terroristen zur Verbreitung ihrer Inhalte missbraucht werden könnte. Wie werden Sie damit umgehen und wie werden Sie Fakenews vorbeugen?

Aufgrund des dezentralen Charakters der Blockchain Database werden Regierungen und zentrale Werbetreibende es unmöglich schaffen, die Registrierung von Transaktionen im Publicism-Netzwerk zu kontrollieren oder gar einzustellen. Der Service erleichtert die Kooperation zwischen Journalisten, um Inhalte zu schaffen, zu veröffentlichen oder zu rezensieren. Publicism schafft Möglichkeiten zur Kooperation von Journalisten im “Free Press Circle” und ermöglicht so offene Kritik und Anleitung. Diese Zirkel agieren als Redaktion, die die Glaubwürdigkeit der Inhalte kontrolliert. 

Wie geht es weiter mit Publicism? Ab Juli 2017 soll die Plattform mit 60 Journalisten getestet und weitere Medienpartnerschaften gebildet werden. Bis Dezember 2017 ist das Ziel, 500 auf der Plattform teilnehmende Journalisten zu erreichen. Und ab 2018 soll dann per Initial Coin offering (ICO), ein in der Blockchainwelt übliches Verfahren zur Finanzierung von Projekten gestartet werden: man erschafft eine eigene Kryptowährung und verkauft diese gegen Bitcoin oder andere Kryptowährungen. Die Investoren können dann, bei Erfolg des Projekts, diese – hoffentlich mit Gewinn – an virtuellen Börsen verkaufen.

Publicism ist ein ambitioniertes Projekt, welches mit 50.000 Euro Startkapital versucht, Lösungsansätze für ein globales Problem zu finden. Dazu will es die Blockchaintechnologie um Speicherkapazitäten erweitern, ein Problem, mit dem sich auch die FinTech- und die  Health- & Insurance Branche beschäftigen, große Branchen, die schon länger mit Blockchain experimentieren. Publicism hat sich viel vorgenommen.

Bilder: publicism.nl

CC-Lizenz-630x1101